Pop Up Radweg in Berlin

Die neuen Pop-Up Fahrradwege und ihre Zukunft

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Titelbild: Fabian Deter

So schrecklich Covid-19 auch ist, das Virus bringt einige positive Änderungen mit sich. Dazu gehören nicht nur die glasklaren Kanäle in Venedig und Tiere, die in ihre Lebensräume zurückkehren, sondern auch Verwandlungen in den Städten. Besonders sichtbar sind die Pop-Up Fahrradwege in Berlin, die es möglich machen, ohne Auto und öffentliche Verkehrsmittel und mit ausreichend Abstand in der Stadt unterwegs zu sein. Zudem bieten die oft mindestens zwei Meter breiten Radwege mehr Sicherheit für Radler*innen.

Stadtexpert*innen haben schon lange gepredigt, dass unsere Städte zu auto-fokussiert sind. Der dänische Architekt Jan Gehl ist einer der wichtigsten Vertreter der „cities for people“-Philosophie und hat in Kopenhagen wichtige Schritte für eine fußgängerfreundliche Innenstadt geleistet. Herr Gehl hat derzeit besonders viel zu tun, denn sein Wissen ist nun endlich weltweit gefragt. Durch den Lockdown und das „social distancing“ haben sich nämlich die Prioritäten vieler Menschen verschoben. 

Anstatt in öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren, sind wir lieber mit dem Fahrrad unterwegs und halten unseren Abstand ein, während wir uns gleichzeitig bewegen. Außerdem möchten immer mehr Menschen, die derzeit aus dem Home Office arbeiten, Pausen einlegen, Grünflächen genießen, die Nachbarschaft erkunden und sich sportlich betätigen. Dementsprechend haben viele Städte in Deutschland, aber auch in anderen Ländern damit begonnen, ihre Straßen umzuwidmen. In Berlin gibt es 14 neue Pop-Up Radwege, während Städte wie London und Kopenhagen noch weiter sind und Brüssel sogar kürzlich die gesamte Innenstadt verkehrsberuhigt hat.

Initiativen wie der Park(ing) Day, Spielstraßen und mobile Parklets haben schon lange versucht, die Dominanz der Autos zu mindern und öffentliche Flächen wie Straßen und Parkplätze für Fußgänger*innen zurückzuerobern. Es handelt sich wie bei den Pop-Up Fahrradwegen um günstige, schnell umsetzbare Interventionen, die teilweise sogar über Nacht entstehen. Mal ist es die Stadtverwaltung und mal sind es die Bürger*innen, die diese Projekte initiieren. Bilder aus Berlin, New York und italienischen Städten zeigen nun, wie es auch gehen kann:

Parklet in San Francisco

Bild: Mark Hogan

In der Stadtplanung sind derartige Pop-Up-Interventionen als „tactical urbanism“ oder taktischer Urbanismus bekannt. Sie sind als kurzfristige Aktionen gedacht, haben aber das taktische Ziel, langfristig einen Wandel in der Bevölkerung und in der Politik auszulösen. Die Pop-Ups sollen zeigen, was möglich ist, und so die finanzielle und politische Unterstützung für einen Wandel in der Stadtplanung erzielen. Die aktuelle Besetzung von Straßen durch Radwege, Restaurants und weitere Initiative demonstriert, dass unsere Prioritäten sich weg von Straßen für Autos bewegen.

Covid-19 hat dem Vorhaben, Städte wieder menschenfreundlicher zu machen, einen dringend nötigen Schubser gegeben. In Zeiten der Pandemie haben wir uns darauf besonnen, was wirklich wichtig ist in der Stadt. Und das sind eben nicht die Autobahnen, die großen Straßen und endlose Parkplätze, sondern öffentliche Räume, die von uns allen genutzt werden können, um dem Lockdown für ein paar Stunden zu entfliehen, um andere Menschen zu sehen, um zu sozialisieren und um uns zu bewegen, und das alles mit dem nötigen Abstand.

Dabei gibt es jedoch einen negativen Seiteneffekt: Immer weniger Menschen nutzen öffentliche Verkehrsmittel, da sie Angst vor einer Infektion haben. Sie steigen entweder auf das Fahrrad oder auf das Auto um, was den Nahverkehr vor empfindliche finanzielle Einbußen stellt. Dabei brauchen wir die CO2-freundlichen S- und U-Bahnen, Busse und Trams, um die Verkehrswende zu schaffen.

Städte wie Mailand haben bereits Gesetze verabschiedet, die mehr Fahrradwege in der Stadt vorsehen, damit Menschen zukünftig einfacher auf dem Rad unterwegs sein können. Der taktische Urbanismus war erfolgreich und hat erzielt, dass Pop-Ups permanent werden. Jedoch dürfen wir nicht vergessen, dass autofreie Städte neben Fahrradwegen auch öffentliche Verkehrsmittel brauchen, damit sie funktionieren. Es ist zwar sehr lobenswert, mehr Fahrradwege einzurichten, aber es handelt sich dabei nicht für jeden und nicht bei jedem Wetter um eine Alternative zum Auto.

Pop-Up Radwege stellen also nur einen Teil der Lösung dar. Wir sollten das Momentum nutzen, um uns zusätzlich für sichere öffentliche Verkehrsmittel und autofreie (Innen-)Städte mit möglichst kurzen Strecken einzusetzen. Die entstandenen Pop-Up Radwege können als Labor oder Versuch dienen, um dann nachhaltige, langfristig wirksame Änderungen wie die in Berlin geplanten Radschnellwege umzusetzen. Da wir aber nicht alle auf das Fahrrad umsteigen werden, dürfen wir andere Verkehrsmittel nicht vernachlässigen.

Was kannst du tun, um die Verkehrsplanung in deiner Stadt zu unterstützen und sie auch nach der Pandemie umweltfreundlich zu gestalten?

• Verzichte auf das Auto (im Notfall kannst du Carsharing-Dienste nutzen)
• Lege kürzere Strecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück
• Nutze öffentliche Verkehrsmittel
• Setze dich bei Petitionen und Demonstrationen für weniger Autos und weniger Parkplätze und kürzere Wege in der Stadt ein
• Informiere dich über Parklets und den Park(ing) Day

Wenn du unser Klima schützen möchtest, kannst du außerdem mit nur 1 Euro im Monat Teil von one for the planet werden und jeden Monat mitentscheiden, welches nachhaltige Projekt wir fördern sollen!